Flugangst, Spinnen, Höhe & Co.: Was spezifische Phobien sind und was hilft
Der Flug in den Urlaub ist gebucht, und schon Wochen vorher kannst du nicht mehr richtig schlafen. Eine Spinne an der Zimmerdecke, und du verlässt den Raum, bis jemand sie entfernt hat. Die Impfung schiebst du seit Jahren vor dir her, weil du bei Spritzen fast in Ohnmacht fällst.
Das sind typische Beispiele für spezifische Phobien. Sie sind die häufigste Angstform überhaupt: In Deutschland ist etwa jeder zehnte Erwachsene innerhalb eines Jahres betroffen. Und die gute Nachricht gleich vorweg: Phobien gehören zu den Angstformen, die sich am besten behandeln lassen.
Was ist eine spezifische Phobie?
Bei einer spezifischen Phobie richtet sich die Angst auf ein ganz bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Situation. Die Angst tritt fast immer auf, sobald man damit konfrontiert ist, oft schon beim bloßen Gedanken daran. Sie ist deutlich stärker, als es die tatsächliche Gefahr rechtfertigen würde. Und die meisten Betroffenen wissen das auch, können aber trotzdem nichts dagegen tun.
Die Folge ist meist Vermeidung: Man fährt mit dem Auto statt zu fliegen, nimmt die Treppe statt den Aufzug oder geht nicht mehr in den Keller.
Welche Phobien gibt es?
Fachleute unterscheiden mehrere Gruppen:
Tiere: Spinnen, Hunde, Schlangen, Mäuse, Vögel, Insekten
Natur und Umwelt: Höhe, Gewitter, tiefes Wasser, Dunkelheit
Blut, Spritzen und Verletzungen: Blutabnahme, Impfungen, Zahnarzt, der Anblick von Wunden
Situationen: Fliegen, Aufzüge, enge Räume, Tunnel, Brücken, Autofahren
Sonstige: zum Beispiel die Angst, sich zu übergeben, oder die Angst zu ersticken
Phobie oder normale Angst?
Ein mulmiges Gefühl auf dem Aussichtsturm oder ein kurzer Schreck bei einer Spinne sind völlig normal. Von einer Phobie sprechen Fachleute, wenn
die Angst deutlich überzogen ist,
du die Situation meidest oder nur unter großer Angst aushalten kannst,
das über längere Zeit so ist
und es dich im Alltag, im Beruf oder in deinen Plänen einschränkt.
Viele Menschen leben gut mit einer Phobie, solange sie dem Auslöser kaum begegnen. Wer in Hamburg lebt und Angst vor Bergen hat, kommt meist gut zurecht. Schwierig wird es, wenn die Phobie wichtige Dinge verhindert: die Fernbeziehung, die Dienstreise, den Arztbesuch oder den Urlaub mit der Familie.
Die Diagnose stellt immer eine Fachperson.
Wie entstehen Phobien?
Viele Phobien beginnen schon in der Kindheit, im Mittel mit etwa sieben Jahren. Verschiedene Wege können dazu führen:
Eigene schlechte Erfahrungen: ein Hundebiss, ein turbulenter Flug, ein Unfall
Lernen am Vorbild: Wer als Kind erlebt hat, wie Mama beim Anblick einer Spinne schreiend aus dem Zimmer rennt, lernt schnell, dass Spinnen gefährlich sind.
Informationen und Bilder: Berichte über Flugzeugabstürze oder Filme können Angst auslösen oder verstärken.
Biologische Vorbereitung: Unser Gehirn ist offenbar besonders schnell darin, Angst vor Dingen zu lernen, die für unsere Vorfahren gefährlich waren: Höhe, Schlangen, Spinnen, Dunkelheit.
Manchmal gibt es auch keinen erkennbaren Auslöser. Die Angst war einfach irgendwann da.
Eine Besonderheit: die Blut- und Spritzenphobie
Bei fast allen Phobien steigt der Blutdruck, wenn die Angst kommt. Deshalb fällt man dabei so gut wie nie in Ohnmacht. Bei der Angst vor Blut, Spritzen und Verletzungen ist es anders: Nach einem kurzen Anstieg kann der Blutdruck plötzlich stark absinken, und manche werden tatsächlich kurz ohnmächtig.
Für diese Phobie gibt es deshalb eine eigene Technik: Man lernt, gezielt Arm-, Bein- und Rumpfmuskeln anzuspannen, um den Blutdruck stabil zu halten. Diese Anspannungstechnik sollte man am besten unter Anleitung üben.
Flugangst: Absturz oder Panik?
Bei Flugangst lohnt es sich, genau hinzuschauen. Manche fürchten vor allem einen Absturz. Andere haben eher Angst, im Flugzeug eine Panikattacke zu bekommen und nicht rauszukönnen. Dann ist die Flugangst oft ein Teil einer Panikstörung oder Agoraphobie. Beides lässt sich gut behandeln, die Schwerpunkte sind aber unterschiedlich.
Wie werden Phobien behandelt?
Die wirksamste Methode bei spezifischen Phobien ist die Konfrontation im Rahmen einer Verhaltenstherapie. Dabei näherst du dich dem gefürchteten Objekt oder der Situation Schritt für Schritt an, gut vorbereitet und in deinem Tempo. Bei einer Spinnenphobie zum Beispiel:
über Spinnen sprechen und Bilder anschauen
ein Video ansehen
eine Spinne in einem geschlossenen Glas betrachten
das Glas in die Hand nehmen
eine kleine Spinne frei im Raum aushalten
Dabei erlebst du, dass die Angst ihren Höhepunkt erreicht und wieder abflacht und dass das Befürchtete nicht eintritt. Das Besondere an Phobien: Oft reichen schon vergleichsweise wenige Sitzungen für eine deutliche Verbesserung.
Medikamente spielen bei spezifischen Phobien in der Regel keine Rolle.
Was du selbst tun kannst
Informiere dich sachlich:
Fakten helfen gegen Kopfkino. Fliegen gehört zum Beispiel zu den sichersten Arten zu reisen, und die heimischen Spinnen sind für Menschen harmlos.
Kleine Schritte gehen:
Fang mit dem an, was du gerade noch schaffst, etwa einem Foto, und steigere dich langsam.
Bleiben statt flüchten:
Gib der Angst die Chance, von allein abzuflachen.
Atmung und Grounding nutzen, um die Anspannung in akuten Momenten zu senken. Bei der Blut- und Spritzenphobie ist stattdessen die Anspannungstechnik hilfreicher.
Rechtzeitig vor wichtigen Ereignissen anfangen:
Wer im Sommer fliegen will, sollte nicht erst im Juni mit der Behandlung beginnen.
Deine Phobie hält dich von wichtigen Dingen ab?
In meiner Privatpraxis in Stuttgart-Ost begleite ich Menschen mit Angst und Phobien, vor Ort oder per Video. Termine gibt es meist kurzfristig, auch abends nach 18 Uhr. Behandlung für Selbstzahler und Privatversicherte.
Auch interessant: Richtig atmen bei Panik · Der Teufelskreis der Angst · Panikattacke nachts – was hilft sofort? · Wie läuft eine Angsttherapie ab? . Die Angstkurve · Ist eine Panikattacke gefährlich?




