top of page
Jameda_logo.png

Stress als Kraftquelle: Wie die Stresskurve dir zu mehr Energie verhilft

vor 3 Stunden
5 Min. Lesezeit

Kennst du das? Vor der wichtigen Präsentation klopft dein Herz, die Hände sind feucht, und am liebsten würdest du dich krankmelden. Dann legst du los, und plötzlich bist du hellwach, schlagfertig und richtig gut. Hinterher denkst du: Das lief ja besser als gedacht.


Stress hat einen ziemlich schlechten Ruf. Laut TK-Stressreport 2025 fühlt sich fast jeder Dritte in Deutschland (31 %) häufig gestresst, weitere 35 % manchmal. Frauen sind mit 71 % deutlich häufiger betroffen als Männer mit 60 %. Kein Wunder, dass viele Stress am liebsten komplett loswerden möchten.


Dabei ist Stress nicht dein Feind. In der richtigen Dosis ist er sogar eine echte Kraftquelle. Wie das funktioniert und wann er kippt, zeigt dir eines der bekanntesten Modelle der Psychologie: die Stresskurve.


Die Stresskurve in einem Bild







Stell dir eine Kurve vor, die aussieht wie ein Hügel. Von links nach rechts nimmt die Anspannung zu, von unten nach oben deine Energie und Leistungsfähigkeit.


Links: zu wenig. Ohne jede Herausforderung bist du nicht etwa entspannt, sondern eher träge, lustlos und gelangweilt. Auf Dauer kann auch Unterforderung erschöpfen, Fachleute sprechen dann von Boreout.


In der Mitte: genau richtig. Hier bist du wach, konzentriert und voller Energie. Aufgaben gehen dir leicht von der Hand, manchmal vergisst du sogar die Zeit. Das ist der Bereich, in dem du über dich hinauswächst.


Rechts: zu viel. Steigt die Anspannung weiter, kippt die Kurve. Du wirst fahrig, machst Flüchtigkeitsfehler, hast vielleicht sogar einen Blackout. Und wenn du lange hier bleibst, geht dir irgendwann die Kraft aus.


Das Ziel ist also nicht, Stress loszuwerden. Das Ziel ist, möglichst oft in der Mitte zu landen.


Die Wissenschaft dahinter: Mäuse, ein Labyrinth und ein bisschen Vorsicht

Die Stresskurve geht auf zwei amerikanische Psychologen zurück: Robert Yerkes und John Dodson. 1908 ließen sie Mäuse lernen, zwischen einem hellen und einem dunklen Gang zu unterscheiden. Bei einer falschen Wahl gab es einen leichten Stromschlag. Das überraschende Ergebnis: Am schnellsten lernten die Mäuse nicht bei möglichst starkem Druck, sondern bei einer mittleren Stärke. Und je schwieriger die Aufgabe war, desto niedriger lag dieser ideale Punkt.


Später wurde daraus das sogenannte Yerkes-Dodson-Gesetz, das auf Menschen und ihre Anspannung übertragen wurde. Ehrlicherweise muss man sagen: Ein „Gesetz“ ist es nicht. Die perfekte Hügelform findet sich in Studien längst nicht immer, und Menschen sind komplizierter als Mäuse. Die Stresskurve ist deshalb ein vereinfachtes Modell. Ihre Grundidee ist aber gut belegt und im Alltag enorm hilfreich: Ein mittleres Maß an Anspannung bringt dich meist am weitesten. Und bei schwierigen, neuen Aufgaben kippt es früher ins Zuviel als bei Routine.


Eustress und Distress: Wenn Stress guttut und wenn er schadet

Der Stressforscher Hans Selye hat für die beiden Seiten des Stresses zwei Begriffe geprägt.


Eustress (von griechisch „eu“ für gut) ist der Stress, der dich beflügelt: eine Herausforderung, die du dir zutraust, ein Ziel, das dir wichtig ist, eine Anstrengung mit einem Ende in Sicht. Denk an den Tag vor dem Urlaub, an dem du noch schnell alles erledigst, oder an das Kribbeln vor einem Wettkampf.


Distress ist der Stress, der dich zermürbt: Du fühlst dich überfordert, hast kaum Einfluss auf die Situation, und ein Ende ist nicht absehbar.


Das Spannende: Dein Körper reagiert in beiden Fällen ähnlich. Das Herz schlägt schneller, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, du bist in Alarmbereitschaft. Ob daraus Eustress oder Distress wird, hängt vor allem davon ab, wie du die Situation bewertest. Traust du sie dir zu? Und: Wie lange hält sie an?


Krank macht nicht Stress, sondern Dauerstress

Deine Stressreaktion ist für kurze Sprints gebaut. Sie macht dich in Sekunden wach, stark und schnell, und danach soll dein Körper wieder zur Ruhe kommen. Genau dieser Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung hält dich gesund.


Schwierig wird es, wenn die Erholung fehlt. Wenn du wochen- oder monatelang im roten Bereich der Kurve bleibst, findet dein Körper nicht mehr zurück. Dann zeigen sich typische Folgen: schlechter Schlaf, häufige Infekte, Verspannungen, Gereiztheit und am Ende Erschöpfung bis hin zum Burnout.


Und noch etwas ist bemerkenswert: Wie du über Stress denkst, scheint mitzuentscheiden, wie er auf dich wirkt. In einer großen US-Studie mit fast 29.000 Erwachsenen hatten Menschen mit viel Stress, die gleichzeitig überzeugt waren, dass Stress ihrer Gesundheit schadet, ein um 43 % höheres Risiko, vorzeitig zu sterben. Wer ebenfalls viel Stress hatte, ihn aber nicht als schädlich ansah, hatte dagegen kein erhöhtes Risiko. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis. Weitere Studien stützen aber die Idee: Wer Stress als Kraftquelle sieht, hat im Schnitt weniger Beschwerden und bringt bessere Leistungen.



So machst du Stress zu deiner Kraftquelle


1. Deute die Signale um

Herzklopfen und Kribbeln vor einer Herausforderung sind kein Zeichen von Versagen, sondern Energie. Sag dir bewusst: „Mein Körper macht mich gerade bereit.“ Studien zeigen, dass schon dieser Perspektivwechsel die Leistung verbessern kann.


2. Finde deine Dosis

Bist du gerade eher links auf der Kurve, such dir eine kleine Herausforderung: ein neues Projekt, ein Hobby, ein Ziel, das dich reizt. Bist du eher rechts, nimm Druck raus. Wie das geht, liest du in „Das Stressfass: Warum Kleinigkeiten plötzlich zu viel werden“.


3. Nach jedem Sprint eine Pause

Gönn dir nach anstrengenden Phasen bewusst Erholung, auch wenn es nur zehn Minuten sind. So kann dein Körper zurück in die Mitte finden, bevor aus Stress Dauerstress wird. Was dabei am besten hilft, steht in „Richtig abschalten: Die 4 Zutaten guter Erholung“.


Dein Mini-Schritt: Wo stehst du auf der Kurve?

Nimm dir fünf Minuten und schau dir drei Bereiche deines Lebens an: Job oder Ausbildung, Familie und Beziehungen, Freizeit. Frag dich bei jedem Bereich: Bin ich hier gerade bei „zu wenig“, „genau richtig“ oder „zu viel“?


Dann wähle für jeden Bereich, der nicht in der Mitte liegt, einen kleinen Schritt für diese Woche. Bei „zu viel“ etwas, das du weglässt, verschiebst oder abgibst. Bei „zu wenig“ etwas, das dich ein bisschen herausfordert.


Und vor der nächsten aufregenden Situation probier den Satz von oben aus: „Mein Körper macht mich gerade bereit.“ Achte darauf, wie sich das anfühlt.


Wenn du merkst, dass du schon seit Wochen fast nur im Bereich „zu viel“ bist und kaum noch zur Ruhe kommst, nimm das ernst. Dann ist es Zeit, dir Unterstützung zu holen.


Dein Stress kippt ins Zuviel?

In der Praxis Theo Paxino in Stuttgart begleite ich Menschen mit Stress, Erschöpfung und Burnout, als Coaching zur Vorbeugung oder als Therapie, vor Ort oder per Video. Termine gibt es meist kurzfristig, auch abends nach 18 Uhr. Für Selbstzahler und Privatversicherte.





Quellen: Yerkes, R. M. & Dodson, J. D. (1908), Journal of Comparative Neurology and Psychology; Selye, H. (1974): Stress without Distress; Keller, A. et al. (2012), Health Psychology; Crum, A. J., Salovey, P. & Achor, S. (2013), Journal of Personality and Social Psychology; Jamieson, J. P. et al. (2010), Journal of Experimental Social Psychology; Techniker Krankenkasse, TK-Stressreport 2025.

bottom of page